Quelle: Des Nachts dar müsst ick dröömen. Anonym. 19. Jahrhundert.

Das Originallied erinnert an das Vorlat – das zweite Gesicht – oder eine unheilvolle Eingebung. Das Vorlat ist ein Vorahnen gewisser Ereignisse im menschlichen Leben, die sich in der Familie oder bei der Arbeit ergeben und sich durch eben solch ein Vorlat, sei es nun ein Geräusch, ein Gesicht oder ein anderes Zeichen, kundtun. Viele unsrer Sagen künden davon. Das vorliegende Gedicht handelt von einem Mann im einsamen Zwiegespräch mit der fernen Geliebten – einer verstorbenen oder einer sterbenden Freundin?

Motiv des Songs: Das ursprünglich plattdeutsche Lied, eine Art “Mystery-Song”, verliert in seiner Aktualisierung das Mystische. Zwar stehen noch immer die Vorahnung des Verliebten und der Dialog mit der fernen Geliebten im Zentrum, aber jetzt geht es weniger um Todesahnungen und Verlust, als vielmehr um den ersten Moment des Verliebtseins oder einer Liebe, vor der man noch nicht weiß, über die man aber schon viel spekuliert.

Mit der Idee der Liebe als Wahnsinn, der widersprüchlichen Gefühle, ausgedrückt durch paradoxe Metaphern (Oxymora), steht das Lied in der Tradition des dulce malum, der Liebeskrankheit – einem Motiv, das jeder aus eigener Erfahrung, aber auch aus dem Minnesang kennt: Schlaflosigkeit, Klagen in der Nacht, Flucht in die Einsamkeit, die Harmonie der Natur die mit der Disharmonie im Empfinden des Liebenden kontrastiert. Der Text hat Appellfunktion: Er appelliert an das Mitleid der Geliebten, deren Liebe dem Ich alleine Rettung und Heilung bringen kann.1

Stimmung: Liebeslyrik, balladesk, die Stimmung schwankt zwischen Bangen und Hoffen, zwischen Beschreibung des Außen und der Innensicht. Weltraum und Unendlichkeit, ein melancholischer Hauch von Todessehnsucht und Wiedergeburt. Naturphänomene, in denen sich die Stimmung der Liebenden widerspiegelt.

1Vgl. Theo Stemmler (Hrsg.): Liebe als Krankheit. Tübingen: Narr 1990, S. 192/193.

 

Hier könnt Ihr den Originaltext herunterladen:

Des Nachts dar müsst ick dröömen

 

 

Und dies ist unsere Bearbeitung:

De Nacht, da mößt ik drömmen

De Nacht, da mößt ik drömmen,
en sworen Droom von dik.
Wat mag de Droom bedüen?
Ach Leifste, leiwst du mik?

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Dien Kopp, dien Hoor, dien Kiek,
dat seute Weih, taurügg‘ well ik,
ik lüer, ik frag‘, ik weit,
swewe huch, Bammel un Glück‘.
Kult un heit, Schien un Wohrhaftigkeit.

Refrain: De Nacht, da mößt ik drömmen,
en sworen Droom von dik.
Wat mag de Droom bedüen?
Ach Leifste, leiwst du mik?

Dien Stahn, dien Gahn, dien Weg,
wenn dü wutt, wärr‘ ik tau dik leif,
still bie Storm, säggst nist.
Wetterlüchten, de Sterne seihn.

Blitz un Ies,
et weiht mik sau dahen / swipp bin ik bie dik.<

Refrain: De Nacht, dar mößt ik drömmen,
en sworen Droom von dik.
Wat mag de Droom bedüen?
Ach Leifste, leiwst dü mik?

Des Nachts dar müsst ick dröömen
woll schworen Droom von Dir
wat mag de Droom bedüden
Ach Schätzken leiwst Du mir (bleib bei mir)